Was wird aus den gelben Blättern
Endlich endet der lange Winter. Er war sehr hart, weil er nicht nur lange gedauert hat, sondern auch bittere Kälte und zu viel Schnee gebracht hatte. Die Dächer vieler Gebäude sind unter dem schweren Schnee eingestürzt, und viele Pflanzen, die die Kälte nicht ertragen konnten, sind eingegangen. Jetzt, da das Wetter wieder wärmer wird, wagen die Menschen sich wieder nach draußen, und ein paar alte Leute machen kurze Spaziergänge. Es ist heller, und die Bäume strecken ihre noch kahlen Äste in den blauen Himmel. Ein paar Vögel freuen sich auf den baldigen Frühling und treiben die Bäume an, schnell ihre Blätter zu bekommen. Eine Bank, unten vor einem Baum, bleibt schweigsam; auf wen wartet sie? Menschen, Vögel und Bäume freuen sich über das milde Wetter, wieso sieht die Bank unzufrieden aus? Da! Zwei Leute bleiben ein Weilchen auf ihr sitzen, aber warum macht diese Bank noch immer einen leicht traurigen Eindruck?
Der Herbst reißt die gelben Blätter von den Bäumen. Nacheinander verabschieden sich diese. Sie werden vom Wind durch die Luft gewirbelt bis sie endlich irgendwo auf dem Boden liegen bleiben, wo sie vom Wind oder von den Menschen weggefegt werden. Frau Herrmann, die achtundneunzig Jahre alt war, saß auf der Bank. Der Anblick der gelben Blätter weckte in ihr ein schwer zu beschreibendes Gefühl.
Frau Herrmann: „Wo gehen die gelben Blätter hin?“
Meister Minh: „Wann haben Sie die gelben Blätter zum ersten Mal gesehen?“
Frau Herrmann: „Oh, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich habe es völlig vergessen.“
Meister Minh: „Können Sie mir sagen, wie viele Leute Sie in Ihrem Leben gekannt haben?“
Frau Herrmann: „Nein, ich kann mich nicht an alle erinnern. Viele von ihnen haben sicherlich schon die Welt verlassen.“
Meister Minh: „Können Sie sich an all Ihre Erlebnisse erinnern? Das geht bestimmt nicht. Seit wann wissen Sie, dass Sie leben? Sie und ich, wir können nicht alle unsere Erlebnisse behalten.“
Frau Herrmann: „Erst seit wir Bewusstsein entwickelt haben, merken wir, dass wir leben. Jenseits davon können wir uns nichts merken. Oh, wenn man sich alle Erlebnisse merken könnte!“
Meister Minh: „Nach einem Unfall hatte ein Mann seine gesamte Vergangenheit vergessen und meinte, er sei erst seit diesem Unfall am Leben. Wir haben versucht ihm zu beweisen, dass er schon seit dreißig Jahren auf der Welt ist, aber er glaubte uns nicht und hielt das für Unsinn.“
Frau Herrmann: „Das ist möglich.“
Meister Minh: „Einmal verliebte sich ein reicher Händler in ein schönes Mädchen und verabredete mit ihren Eltern sie nach drei Jahren zu heiraten. Das Mädchen aber heiratete nach drei Jahren einen anderen. Darüber war der Händler zornig und fragte den Ehemann: „Wieso hast Du meine Verlobte geheiratet?“ Der Mann antwortete: „Wieso habe ich Deine Verlobte geheiratet?“ Der Händler: „Vor drei Jahren habe ich mit ihr und ihrer Familie eine Vereinbarung getroffen.“ Der Mann: „Wie alt war Deine Verlobte?“ Der Händler: „Sie war achtzehn Jahre alt.“ Der Mann: „Also ich habe eine Einundzwanzigjährige geheiratet, nicht Dein Mädchen von achtzehn Jahren.“
Frau Herrmann freute sich und lachte: „ Schöne Geschichte, aber wer hat Recht? Ich meine der Händler.“
Meister Minh: „Wenn der Händler zum Beispiel die Achtzehnjährige heiraten will, während sie noch wie eine Raupe ist, der Mann aber die Einundzwanzigjährige, die wie ein Schmetterling ist, wer hat Recht?“
Frau Herrmanns Gesicht blüht auf wie eine Blume; wahrscheinlich hat sie die Antwort auf ihre Frage nach dem Weg der gelben Blätter gefunden.
Als nun der Frühling vollständig gekommen ist und die Bäume von jungen, grünen Blättern bedeckt werden, wartet die Bank noch immer schweigsam. Laute und stille Menschen sind früher oder später alle an ihr vorüber gegangen. Vielleicht hat die Bank jetzt verstanden, dass sie Frau Herrmann niemals wieder treffen kann. Sie ist aus dem Leben gegangen. Bald fliegt der Schmetterling aus dem Raupenleib. Ob er sich wirklich nur an seine Zeit als Schmetterling erinnert? Wenn er wüsste, dass er einmal eine Raupe gewesen ist, dann wüsste er auch, wohin die gelben Blätter gehen.